Texte zur Liebe

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft.
Es ist was es ist
sagt die Liebe.

Es ist Unglück
sagt die Berechnung.
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst.
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht.
Es ist was es ist
sagt die Liebe.

Es ist lächerlich
sagt der Stolz.
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht.
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung.
Es ist was es ist
sagt die Liebe.

(Erich Fried, 1921 – 1988)

Lied der Liebe

Engelfreuden ahndend, wallen
Wir hinaus auf Gotte Flur,
Dass von Jubel widerhallen
Höh’n und Tiefen der Natur.
Heute soll kein Auge trübe,
Sorge nicht hienieden sein,
Jedes Wesen soll der Liebe
Frei und froh, wie wir, sich weih’n!

Singt den Jubel, Schwestern, Brüder,
Fest geschlungen, Hand in Hand!
Hand in Hand das Lied der Lieder,
Selig an der Liebe Band!
Steigt hinauf am Rebenhügel,
Blickt hinab ins Schattental!
Überall der Liebe Flügel,
Hold und herrlich überall!

Liebe lehrt das Lüftchen kosen
Mit den Blumen auf der Au,
Lockt zu jungen Frühlingsrosen
Aus der Wolke Morgentau,
Liebe ziehet Well’ an Welle
Freundlich murmelnd näher hin,
Leitet aus der Kluft die Quelle
Sanft hinab ins Wiesengrün.

Berge knüpft mit ehrner Kette
Liebe an das Firmament,
Donner ruft sie an die Stätte
Wo der Sand die Pflanze brennt.
Um die hehre Sonne leitet
Sie die treuen Sterne her,
Folgsam ihrem Winke gleitet
Jeder Strom ins weite Meer.

Liebe wallt durch Ozeane,
Durch der dürren Wüste Sand
Blutet an der Schlachtenfahne,
Steigt hinab ins Totenland!
Liebe trümmert Felsen nieder,
Zaubert Paradiese hin,
Schaffet Erd und Himmel wieder –
Göttlich, wie im Anbeginn.

Liebe schwingt den Seraphsflügel
Wo der Gott der Götter thront,
Lohnt die Trän’ am Felsenhhügel,
Wann der Richter einst belohnt,
Wann die Königsstühle trümmern,
Hin ist jede Scheidewand,
Biedre Herzen heller schimmern
Reiner, denn der Krone Tand.

Lasst die Scheidestunde schlagen,
Lasst des Würgers Flügel wehn!
Brüder, drüben wird es tagen!
Schwestern, dort ist Wiedersehn!
Jauchzt dem Heiligsten der Triebe,
Den der Gott der Götter gab,
Brüder, Schwestern, jauchzt der Liebe,
Sie besieget Zeit und Grab!

(Friedrich Hölderling, 1770 – 1843)

Geschenk der Liebe

Da du du selbst bist,
bin ich in deiner Schuld.
Ich trag sie ab mit meiner Liebe
lebenslänglich mit Geduld.

Lass meine Liebe wie Sonnenstrahlen
in lichtvoller Freiheit
dein Wesen umfangen.

Wer die Wahrheit kennt,
will sie stolz in eine Truhe legen.
Wer die Wahrheit liebt,
wird sie demütig im Innern hegen.

Jener, der das Licht der Sterne entzündet
am Firmament,
fragt sich geduldig, wann auch in der Welt
dass Licht zu brennen beginnt.

Gott will, dass mit Liebe
errichtet werde sein Haus.
Die Menschen bauen in die Wolken und
machen einen Sieg der Ziegel daraus.

Wer Gutes tut, den mag man
von sich weisen.
Doch wer die Menschen liebt,
ist überall zu Haus.

(Rabindranath Tagore, 1861 – 1941)

Liebe und Tod

Sag, wie hältst du’s mit der Liebe?
Gott, wie soll ich’s mit ihr halten?
Fürchte, sie ist am Veralten,
am Verblühen, am Erkalten:
Oder altern meine Triebe?

Sag, wie hältst du’s mit dem Tode?
Gut, mich dazu zu befragen.
Hab ihn stets in mir getragen,
kann heut mit Bestimmtheit sagen:
Der kommt niemals aus der Mode.

(Robert Gernhardt, 1937 – 2006)

Wie ich dich liebe

Wie ich dich liebe? Lass mich zählen wie.
Ich liebe dich so tief, so hoch, so weit,
als meine Seele blindlings reicht, wenn
ihr Dasein abfühlt und die Ewigkeit.

Ich liebe dich bis zu dem stillsten Stand,
den jeder Tag erreicht im Lampenschein
oder in Sonne. Frei, im Recht und rein
wie jene, die vom Ruhm sich abgewandt.

Mit aller Leidenschaft der Leidenszeit
und mit der Kindheit Kraft, die fort war, seit
ich meine Heiligen nicht mehr geliebt.

Mit allem Lächeln, aller Tränennot
und allem Altern. Und wenn Gott es gibt,
will ich dich besser lieben nach dem Tod.

(Rainer Maria Rilke, 1875 – 1926)

Liebesakt

Jeder Liebesakt, Akt der Liebe,
den wir verpassen,
ist eine verpasste Chance
wirklich menschlich zu sein und zu werden.

In allem, was wir tun, könnten
wir danach streben,
es liebevoll zu tun,
im Geist der Liebe:

essen und trinken
reden
arbeiten
spielen und lachen
Liebe machen
zuhören
planen und träumen
streiten…

Und in allem, was wir tun,
könnten wir uns bewusst werden,
was passiert, wenn wir es in einem andern Geist,
als dem der Liebe tun:

aus dem Streben zur Macht,
aus Gier,
aus Angst,
aus Wut,
aus Kummer,
aus Grössenwahn,
aus Blindheit,
aus Nichtwissen…

(Rolf Fink, 1942 – )

Wie wär’s?

Wie wär’s,
wenn wir uns
mit der Liebe
immer öfter
eine Chance gäben?

Was würde wohl geschehen,
wenn wir uns oft
und immer öfter
der Frage stellen würden

ist das, was wir eben tun,
liebevoll oder nicht?

Ist uns diese Frage
zu anspruchsvoll,
lassen wir sie bleiben.

Gelänge es uns allerdings,
sie ohne jeden Anspruch zu stellen,
würde sich vielleicht
die Chance bieten,

Liebe zu erfahren
und Verständigung zu erreichen.

Nichts weiter.

(Rolf Fink, 1942 – )

“Adieu, dit le renard. Voici mon secret. Il est
très simple: on ne voit bien qu’avec le cœur. L’essentiel est invisible
pour les yeux.”

„Adieu“, sagte der Fuchs. „Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”

(aus der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry (1900 – 1944)

 

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